Ein Erfahrungsbericht

ein Coming-Out im Stamm hatte ich zu meinem 27. Geburtstag - ein knappes Jahr, nachdem ich endlich meine Homosexualität kapiert und akzeptiert hatte. Ich hatte zu meiner Geburtstagsfeier sowohl meine neuen schwulen Freunde wie auch meine Leiterrunde eingeladen und mir gedacht "entweder sie kapieren hier, daß ich schwul bin oder halt nicht". Für mich war der Zeitpunkt gekommen, an dem es mir wichtig war, mich meiner Leiterrunde zu outen und nicht mehr mit meinem neuen Selbstbewußtsein hinter dem Berg zu halten. Aber den Mut, es einfach zu sagen, hatte ich auch nicht.

Ich habe Glück mit meiner Leiterrunde: Die Rückmeldungen waren und sind durchweg positiv. Vor allem die Mädels scheinen mein Schwulsein irgendwie recht cool zu finden (man kann sich mit ihnen auch ganz gut über Männer unterhalten); bei den Jungs gab es verschiedenere Reaktionen: einige waren erst mal ratlos und mieden das Thema, andere waren wirklich interessiert an meinem "neuen" Leben, von dem sie bisher nichts mitbekommen hatten, und haben dann z.B. auch über homosexuelle Anteile bei sich selbst nachgedacht. So einige gute Gespräche habe ich daraufhin geführt.

Wirklich überrascht von meinem Coming-Out waren nur wenige (was mich wiederum überraschte) aber der Grund dürfte darin liegen, daß mich alle schon seit Jahren kannten. Bei den meisten war ich schon selbst Gruppenleiter gewesen, und drei Jahre mit mir als StaVo hatten sie da auch schon hinter sich. Und hier dürfte auch der Grund dafür liegen, daß mir niemand Schwierigkeiten gemacht hat: Die evtl. vorhandenen Schwulenvorurteile konnten nicht mehr nachträglich den Blick auf mich verstellen, dafür war ich ein zu beschriebenes Blatt. Denn so normal können wir sein.

Es gibt aber auch andere Fälle. An der Uni habe ich zwei Schwule Ex-DPSGler kennengelernt, die nach unfreiwilligem Outing durch andere nach erst kurzer Zeit in der Leiterrunde (und erst kurz nach ihrem Coming-Out vor sich selbst) von ihrem StaVo aus dem Stamm gemobbt wurden. Klar, daß sie mit dem Verband nichts mehr am Hut haben (und auch mein Engagement in der DPSG kritisch betrachten).

Schließlich hatte ich auch das Bedürfnis, mich meinen Pfadis zu outen, weil ich mir nicht mehr ganz ehrlich vorkam. Ich habe das dann schrittweise getan, je nach Gelegenheit. Auch hier haben sich anfängliche Berührungsängste (in durchaus wörtlichem Sinne) wieder gegeben, und auch hier gab es schon einige spannende Gespräche am Lagerfeuer rund um die Liebe bei mir und bei ihnen.

Als Wölfling hatte ich bei uns angefangen, und in all den Jahren scheint kein schwuler Leiter oder eine lesbische Leiterin bei uns im Stamm gewesen zu sein, auch bei den Rovern: Fehlanzeige. Vielleicht hätte es mir schon früher geholfen, wenn ich im Pfadi- oder Roveralter jemanden gekannt hätte, der mir ein positives und optimistisches homosexuelles Beispiel gegeben hätte. So andererseits habe ich das Vergnügen, ein wenig der Exot in unserer Leiterrunde zu sein.

Marco Bresciani, Stamm Partner Erde, Rüsselsheim