"Wichser!", "Arschficker!"
und "Hurensohn!" tönt es auf dem Wölflingswochenende durch das
Haus, über eine Türklinke ist ein Kondom gestülpt, im Zimmer
der Jungs findet sich ein mit Ketschup getränkter Tampon - die Wölflinge
stellen die Geduld ihrer Leiter auf eine harte Probe. Das Team überlegt
sich, wie es sich verhalten soll: Thematisieren, weil sich in diesen Äußerungen
und Handlungen möglicherweise ein Bedürfnis der Kinder zeigt,
sich mit dem Thema "Sexualität" auseinander zu setzen, oder ignorieren,
weil es sich nur um Provokationen handelt?
Nicht zuletzt weil die Leiter schließlich feststellen, dass sie nicht
wüssten, wie und mit welchen Methoden sie das Thema aufgreifen könnten
und ob sie das mit Blick auf die Eltern überhaupt dürften, entscheiden
sie sich dafür, lediglich den Gebrauch der Schimpfworte zu sanktionieren
und ansonsten nicht weiter zu reagieren.
Auf dem Sommerlager des
Pfadfindertrupps eines Stammes aus einer Kleinstadt, der eng mit der katholischen
Gemeinde zusammenarbeitet, werden ein 15-jähriges Mädchen und
ein 14-jähriger Junge beim Sex erwischt. Die Leiter wissen nun nicht,
ob sie die beiden nach Hause schicken sollen. Sie befürchten vor allem,
dass die streng katholischen Eltern des Jungen überreagieren, ihn
massiv bestrafen und womöglich sogar aus der Gruppe nehmen könnten.
Sie fragen sich jedoch, ob sie von Rechts wegen nicht sogar dazu verpflichtet
seien, die beiden nach Hause zu schicken.
Der 17-jährige Andreas
ist Mitglied einer Roverrunde und schwul. Er leidet darunter, dass "schwul"
in der Runde in Äußerungen wie "Meine schwule Jacke geht schon
wieder nicht zu!" oder "Das ist ja wohl voll die schwule Scheiße
hier!" negativ verwendet wird. Er traut sich deshalb nicht, sich in der
Runde zu "outen", weil er befürchtet, dann abgelehnt zu werden. Um
mit den anderen "mithalten" zu können, erfindet er eine Freundin,
die er im Urlaub kennengelernt haben will.
Solche oder ähnliche Begebenheiten kennen wohl alle Leiter(innen) aus ihrem Gruppenalltag. Und wahrscheinlich erinnern sich viele auch an die damit verbundenen Unsicherheiten und vielleicht auch daran, wie unangenehm deshalb der Umgang mit den Situationen war. Kaum verwunderlich, denn diesen Situationen ist nicht nur gemein, dass es sich um sensible, schwierige, z.T. auch möglicherweise rechtlich unklare Bereiche handelt, sondern vor allem, dass das gesellschaftliche Tabuthema "Sexualität" im Mittelpunkt steht. Gemein ist den Situationen damit auch, dass Leiter(inne)n zu ihrer Bewältigung kaum Hilfen von Seiten des Verbands zur Verfügung stehen. "Sexualität" ist in der DPSG bislang stiefmütterlich behandelt worden. Die letzte größere Verbandsveröffentlichung zum Thema "Lieben lernen" (erschienen 1976, im Rüsthaus übrigens nicht mehr erhältlich) liegt Jahrzehnte zurück, mutige Vorstöße wie der "Schwule Rover" (Nr. 4/94) oder die "Blue-Box" 4/94 (mit dem Artikel "Heimlich 'rubbeln‘ tun doch alle...") sind allzu seltene Ausnahmen und auch in der Leiterausbildung wird der Bereich "Sexualität" kaum berücksichtigt.
Dies verwundert, da die Entwicklung der eigenen Sexualität im Leben Jugendlicher breitesten Raum einnimmt und alle Leiter(innen) deshalb zwangsläufig mit dieser Thematik konfrontiert werden. Es verwundert noch mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass einer adäquaten und offenen Behandlung des Themas bei vielen Leiter(inne)n Unklarheiten bezüglich rechtlicher Rahmenbedingungen, eigene Unsicherheiten oder auch Ängste vor Reaktionen der Eltern oder seitens der Kirche im Wege stehen. Möglicherweise trägt das Ausklammern dieses wesentlichen Entwicklungsbereiches sogar dazu bei, dass Jugendliche den Pfadfindern den Rücken zuwenden und sich andere Entwicklungs- und Erfahrungsräume suchen. Wie dem auch immer sei, bleibt festzustellen: Die Persönlichkeitsbildung der Kinder und Jugendlichen in diesem Bereich können wir nur dann wirklich unterstützen, wenn wir bewusst mit dem Thema umgehen und entsprechende Entwicklungsräume bieten.
Die Entwicklung eines aktuellen
sexualpädagogischen Konzepts der DPSG ist ein erster wichtiger Schritt,
um Leiter(inne)n Orientierung bei ihrer diesbezüglichen Arbeit zu
geben und um Jugendlichen in der DPSG die Entwicklung eines unbefangenen
und zugleich verantwortungsbewussten Umgangs mit ihrer Sexualität
zu erleichtern.
Ein Handbuch sollte inhaltliche und methodische Unterstützung für
den Umgang mit dem Thema "Sexualität" innerhalb der Gruppe, in der
Leiterrunde und in der Zusammenarbeit mit Eltern geben. Die gleichwertige
Behandlung sowohl heterosexueller als auch gleichgeschlechtlicher Orientierung
sollte dabei dazu beitragen, dass sich Jugendliche mit all ihren Sorgen
und Nöten ernst genommen und verstanden fühlen. Über ein
solches Handbuch hinaus sollte sexualpädagogisches und sexualrechtliches
Grundwissen auch im Rahmen der Leiterausbildung vermittelt werden.
Diese Überlegungen und
Forderungen sind ein Ausschnitt der Ergebnisse der Zukunftswerkstatt zum
Thema "Scouts do it in a tent!? - Sexualpädagogik im Verband", zu
der die Arbeitsgruppe SchLeHe (Schwule, Lesben & Heteros in der DPSG;
http://www.dpsg-schlehe.de/)
eingeladen hatte. Wie gut die Arbeit (die übriges auch reichlich Spaß
gemacht hat) war, zeigen die Ergebnisse. Leider bleibt jedoch festzustellen,
dass nur sehr wenige Heteros und sehr wenige Frauen unserer Einladung gefolgt
waren. Für die Weiterentwicklung der Ideen, die auch in den Prozess
"update" einfließen sollen, würden wir uns eine breitere Beteiligung
wünschen. Oder ist "Sexualität" für Heteros und Frauen etwa
wirklich kein Thema? ;-)